Albtraumhaft schön: Händels "Orest" als bildgewaltiges Spektakel
"(...) Regisseurin Mirella Weingarten – sie entwarf auch die klaustrophobische Bunker-Bühne und die keiner Epoche verpflichteten Kostüme – fädelt ein funkelndes Kabinettstück an das nächste. Und zieht die kleinteilige Perlenkette zum Finale so straff, dass einem dennoch die Luft wegbleibt. So entstehen albtraumhaft schöne Bilder. Es gibt akrobatische Einlagen – und, allem existenziellen Ernst zum Trotz, den einen oder anderen hinterhältigen Gag. Zu entdecken gibt es also einiges: von ausgeklügelten Licht- bis zu irrsinnig umständlichen Fesselspielen.
Vor allem aber ist „Orest“ in den Innsbrucker Kammerspielen ein selbstbewusstes (Schlacht-)Fest der Stimmen. Countertenor Georg A. Bochow hebt in der Titelrolle hart konturiert an und wird spätestens beim herzzerreißenden Duett mit Hermione wunderbar weich. Die singt Annina Wachter beeindruckend souverän. Johannes Maria Wimmer ist als tyrannischer Thoas zunächst gernegroßer Machtmann mit voluminösem Timbre, dann geiferndes Würstchen. Jason Lee setzt als Pylades kraftvolle Akzente. Und wie sich Anastasia Lerman als Iphigenie in kleinen Schritten buchstäblich freisingt, ist ein Ereignis." Tiroler Tageszeitung
"Das Projekt ist interessant und vollends gelungen: Die Essenz von Händels Dramaturgie und Arien bleibt gewahrt, während Albrecht Ziepert einen verbindenden Klangteppich webt, der die rasante Entfaltung des Dramas untermalt. (..) Das Ambiente ist düster und tragisch – kompromisslos und ohne jegliche Entlastung. Die Handlung entfaltet sich in einer Art grauem, bedrohlich wirkendem Gefängnis, gefüllt mit Säcken, die scheinbar die Leichen aus der Atriden-Saga bergen – eine eindringliche Darstellung der Blutspur, die Orest verfolgt; eine lebendige, greifbare Dimension jener Erinnyen, die seinen vom Muttermord befleckten Geist umschwärmen. Über diesem Geschehen öffnet sich ein raffiniertes szenisches Spiel: ein Lichtspalt, der sich horizontal über die gesamte Bühnenbreite zieht. Von dort oben erscheint Orest – noch immer heimgesucht vom Leichnam seiner Mutter, den er symbolisch mit sich schleppt. Anschließend seilt er sich herab und gelangt in ein Tauris, das wie ein Verlies ist, dessen Wände von Blutspritzern gezeichnet sind: eine eher psychische als physische Form der Unterdrückung. Im Bühnenvordergrund fließt ein Wasserlauf. Hier versucht Iphigenie vergeblich, die Schuld von ihren Händen abzuwaschen; ihre Gesten wirken archaisch, frenetisch und repetitiv – eine Reminiszenz an den Blutfluch in Shakespeares *Macbeth*. Die Regie besticht durch einen klassisch-komponierten Gestus, wobei ein besonderes Augenmerk auf den tanzenden Körpern der Darsteller liegt, die jene schreckliche, das Menschengeschlecht erdrückende Last des Schicksals eindrucksvoll verkörpern. Die Szene der Tyrannen-Tötung – ertränkt im Wasserlauf des Vordergrunds – ist von grandioser Wirkung. (...) Die Inszenierung ist klar und fesselnd, dramatisch, kompromisslos, durchdrungen vom deutschen Klassizismus und streng im Geiste Schillers und Goethes. Georg A. Bochows Orest (...) verbindet er mit einer unbestreitbaren Bühnenpräsenz und Sicherheit, die es ihm ermöglichen, einen fiebrigen Orest – zerrissen von Leidenschaften, die größer sind als er selbst – mit einer Beweglichkeit und Präzision darzustellen, die mit Musik und Gesang zu einer Einheit verschmelzen und mit Geschmeidigkeit sowie scheinbarer Leichtigkeit vorgetragen werden. An seiner Seite brillieren die Mitglieder des Ensembles des Tiroler Landestheaters (...). Die Premiere war ein durchschlagender Erfolg." Raffaello Malesci, Operateatro


















